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Aktivator, Bionator & Co.: Fitnessgeräte für die Mundmuskeln

15. Juni 2021

Ob Bionator, Aktivator oder Funktionsregler – funktionskieferorthopädische Geräte (kurz: FKO-Geräte) gibt es schon lange. Durch körpereigene Muskelkräfte aktiviert, beheben sie nicht nur falsche Haltungen von Zunge oder Lippen. Sie lassen auch Zähne und Kiefer richtig wachsen.

Wunderwerk aus über 100 Muskeln

Wussten Sie, dass in unserem Körper beim Sprechen über 100 Muskeln aktiv sind? Ein Großteil davon befindet sich im Mund-Gesichtsbereich. Zungen-, Lippen- und Wangenmuskulatur sind daran beteiligt. Zusammen mit Zähnen und Kiefern agieren sie in einem hochkomplexen System, das neben dem Sprechen unter anderem auch für das Kauen oder Schlucken verantwortlich ist. 

Sprechen: Mehr als 100 Muskeln sind im Spiel. Mimik? Ist wie Muckibude für die Gesichtsmuskeln, Quelle: a. piacquadio | pexels

Weichgewebe bewegen Hartgewebe und umgekehrt. Eine perfekt aufeinander abgestimmte Funktionseinheit, die nicht auf unseren Mund und unser Gesicht beschränkt ist, sondern in enger Wechselwirkung mit dem restlichen Körper steht.

Muskuläre Fehlfunktionen mit ernsten Folgen

Gerät dieses Muskelsystem aus dem Gleichgewicht, kann das weitreichende Folgen haben – insbesondere dann, wenn sich der Körper noch im Wachstum befindet. 

Gleichgewicht: das A und O, Quelle: pixabay

Bei Kindern kann das wahre Kettenreaktionen auslösen. Entwicklungsstörungen von Zähnen, Kiefern oder Gesicht, aber auch negative Effekte auf Statik und Funktion der Wirbelsäule können die Folge sein.

Zunge, Lippen und Wangen wirken sich auf die Zahn- und Kieferentwicklung aus. Sie bestimmen maßgeblich mit, wie Zähne im Kiefer durchbrechen, welche Stellung sie dort einnehmen oder in welcher Lagebeziehung Ober- und Unterkiefer zueinander stehen. 

Kommt es zu Fehlhaltungen oder muskulären Fehlfunktionen, stört das die Entwicklung des Gebisses. Ebenso können schlechte Angewohnheiten wie Daumenlutschen, Einsaugen der Wangen oder Nägelkauen mit der Zeit zu Fehlstellungen von Zähnen und Kiefern führen. Bleiben diese unerkannt und vor allem unbehandelt, drohen lebenslange Folgen.

FKO-Geräte: Weichensteller für ein gesundes Gebiss

Sogenannte funktionskieferorthopädische Apparaturen, auch FKO-Geräte genannt, können hier Abhilfe schaffen. Sie beseitigen muskuläre Fehlfunktionen und fördern gleichzeitig ein harmonisches Wachstum des Mund-Gesichtsbereichs. Dabei bedienen sie sich körpereigener Muskelkräfte, wie sie beim Sprechen, Kauen sowie Schlucken eingesetzt werden.

Bei jeder Aktivierung durch die Wangen-, Zungen- und Lippenmuskulatur erzeugt das FKO-Gerät Reize, die zunächst die Umstellung der muskulären Funktionsmuster bewirken. Wird die kieferorthopädische Behandlungsapparatur regelmäßig getragen, führt das mit der Zeit schließlich auch zum Umbau der knöchernen Strukturen. Die Form folgt der Funktion, Zähne und Kiefer passen sich an.

Welche FKO-Geräte gibt es?

FKO-Geräte werden schon sehr lange und äußerst erfolgreich in der kieferorthopädischen Behandlung eingesetzt, insbesondere in Europa. Das liegt zum einen daran, dass es zwei Europäer waren (die Zahnärzte Viggo Andresen und Karl Häupl), welche die Funktionskieferorthopädie einst begründeten. Mit ihrem Aktivator stellten sie vor nahezu 100 Jahren das erste Trainingsgerät für die Mundmuskeln vor. Zum anderen kann Europa auf einen umfangreichen Erfahrungsschatz zurückgreifen, was den Einsatz dieser Apparaturen betrifft. Denn die dem Aktivator nachfolgenden Gerätevariation, wie beispielsweise der Bionator nach Balters, der Funktionsregler nach Fränkel, der Twin Block nach Clark oder das Herbst-Scharnier sind zumeist europäische Entwicklungen, die bis heute ihre Anwendung finden.

FKO-Gerät: Fränkel III, Quelle: intern
FKO-Gerät: Aktivator, Quelle: intern
FKO-Gerät: Bionator-Modifikation, Quelle: intern
FKO-Gerät: Twin Block, Quelle: intern

Ob lose oder fest – Wirkung garantiert

Funktionskieferorthopädische Geräte wirken sowohl im Ober- als auch Unterkiefer und steuern deren Wachstum und Lage zueinander. Sie sind meist herausnehmbar, können aber auch an einer festen Zahnspange (Bracket-Apparatur, Multiband-Apparatur) verankert sein. Oft bestehen die FKO-Geräte aus einem Kunststoffkörper, der beide Kiefer durch verschiedene Drahtelemente sowie Metallbögen miteinander verbindet. Das Design kann hierbei variieren und gibt somit die Wirkungsweise vor. Liegt beispielsweise der Unterkiefer zu weit zurück, kann dessen Wachstum gefördert und gleichzeitig das Wachstum des Oberkiefers gehemmt werden. Genauso funktioniert es auch anders herum. Zudem können Wangen oder Lippen von den Zähnen abgehalten oder die Zungenfunktion aktiviert werden.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine FKO-Behandlung?

Je früher kraniofaziale, also den Schädel und das Gesicht betreffende, Fehlfunktionen erkannt werden, desto besser kann man entgegenwirken. 

Zeitpunkt: KFO-Check im Grundschulalter, Quelle: a.piacquadio | pexels

Das Gleiche gilt für das Abgewöhnen schlechter Gewohnheiten wie Daumenlutschen oder Zungenfehlfunktionen. Die rechtzeitige Diagnose ermöglicht einen adäquaten Beginn der präventiven oder frühtherapeutischen Maßnahmen. Entscheidend sind das Alter bzw. der Entwicklungsstand des Gebisses sowie die Art und Ausprägung der vorliegenden Fehlfunktion.

Die kieferorthopädische Therapie kann bereits im Milchgebiss erforderlich werden, um starke Asymmetrien zu vermeiden, wenn zum Beispiel ein Kreuzbiss mit Zwangsbiss zu einer Gebissseite vorliegt. Zeichnet sich bereits im frühen Stadium des Zahnwechsels eine massive Beeinträchtigung der Gebissentwicklung ab, sollte unbedingt regulierend eingegriffen werden.

Der ideale Zeitpunkt für den Einsatz von FKO-Geräten stellt jedoch die späte Phase des Übergangs vom Milch- zum bleibenden Gebiss dar. Da die Gewebe und knöchernen Strukturen dann eine große Umformbereitschaft aufweisen, können Wachstum, Zahndurchbruch sowie die Entwicklung der Kiefer hier optimal ausgenutzt werden. Mehr zum Thema Frühbehandlung auf medondo.health.

Klassifikation der Bisslagen, Quelle: intern

Jugendliche, die schon ihre bleibenden Zähne haben, sind mit funktionskieferorthopädischen Apparaturen behandelbar, sofern ihr Zahnwechsel gerade erst erfolgt ist. Da sie jedoch nur noch ein Restwachstum aufweisen und auch die Umbaubereitschaft der Gewebe und knöchernen Strukturen zunehmend weniger wird, kommen bei ihnen meist festsitzende Zahnspangen oder Aligner zur Anwendung.

Expertenwissen und Teamwork für optimale Behandlungserfolge

Das Gerätedesign und Behandlungsziel legt der Kieferorthopäde fest. Als Fachzahnarzt für Kieferorthopädie weiß er genau, was zu tun ist. Um eine bestimmte Entwicklung der Zahnbögen zu erhalten, bringt er beispielsweise Biegungen in die Drähte ein. Oder er beschleift den Kunststoffkörper der Zahnspange und gibt damit die Richtung für einzelne Zahnbewegungen vor. Sein Fachwissen ist entscheidend für den Behandlungserfolg.

Um Fehlentwicklungen von Zähnen und Kiefern vorzubeugen bzw. diese erfolgreich zu behandeln, ist außerdem Teamwork gefragt. Denn nur bei einer ganzheitlichen Behandlung, wenn die ursächlichen Störungen ausfindig gemacht und entsprechend behoben werden, kann sich ein langfristiger Therapieerfolg einstellen. Dafür arbeitet der Fachzahnarzt für Kieferorthopädie eng mit Vertretern anderer Fachdisziplinen wie Logopädie, HNO-Heilkunde, Funktionstherapie (durch Physiotherapeuten, Osteopathen oder Manualtherapeuten) oder Orthopädie zusammen. Hand in Hand agierend, werden funktionelle Störungen erkannt, ihre Auswirkungen gestoppt und zielführend therapiert.

 

Quellen: